Ask the Gamer

Es will einfach keine Ruhe einkehren beim Publisher und Entwickler Activision Blizzard. Seit Monaten tobt ein Sturm der Entrüstung, der durch immer neue Enthüllungen rund um die toxische Unternehmenskultur, ungleiche Bezahlung und offene sexuelle Übergriffe nicht zum Erliegen kommt. Nun droht auch der Kapitän, von Bord gespült zu werden. Die Schuld daran trägt er allein, denn die Warnungen des Ausgucks hat er offenbar jahrelang ignoriert.

Activision Blizzard seit Langem unter Beschuss

Bereits im Sommer berichteten wir über die skandalösen Arbeitsbedingungen und das toxische Unternehmensklima bei einem der größten Player in der Gaming-Branche. So sollen bei Activision Blizzard, das unter anderem für legendäre Games wie Diablo, StarCraft und WoW bekannt ist, Mitarbeiterinnen teils systematischer sexueller Belästigung durch Kollegen und Vorgesetzte ausgesetzt gewesen sein.

Die renommierte Zeitung Wall Street Journal (WSJ) hat jetzt neue Details enthüllt, die vor allem CEO Bobby Kotick belasten. Er soll seit Jahren von Vorwürfen gewusst haben und untätig geblieben sein. Doch Tatenlosigkeit ist nicht der einzige Mangel, der ihm vorgehalten wird: Er soll den Vorstand über mindestens einen Vorfall im Unklaren gelassen haben, bei dem es um Vergewaltigungsvorwürfe einer Mitarbeiterin gegenüber ihrem früheren Vorgesetzten ging. Stattdessen habe er eine außergerichtliche Einigung erzielt.

Systemisches Versagen: Der Fisch stinkt vom Kopf

In den letzten Monaten hat sich Bobby Kotick vor allem als Aufräumer und Macher inszeniert: Viele Köpfe im Unternehmen sind gerollt, die Kommunikation nach innen und außen wurde offensiver. Doch das scheint alles nicht mehr als Blendwerk zu sein, denn der Fisch stinkt im Fall von Activision Blizzard vom Kopf. Wer als Verantwortlicher seit Jahren versucht, die Missstände im eigenen Unternehmen unter den Teppich zu kehren und sich nur durch öffentlichen Druck zu halbherzigem Handeln bemüßigen lässt, dessen fadenscheinigen Lippenbekenntnissen können Angestellte, Aktionäre und die breite Öffentlichkeit kein Vertrauen schenken.

Da hilft es wenig, dass sich das Unternehmen mit hohen finanziellen Aufwendungen von Anschuldigungen freikauft – wie es zuletzt Ende September der Fall war. 18 Millionen Dollar zahlte Activision Blizzard, um eine Belästigungsklage der Equal Employment Opportunity Commission (EEOC) beizulegen.

Auch die Versuche Koticks und Blizzards, selbst in die Offensive zu gehen, wirken wenig überzeugend. In einer Stellungnahme vom 16.11. kritisiert das Unternehmen die Berichterstattung des WSJs als „irreführend“ und beteuert eine „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber unangemessenem Verhalten. Doch auch dieses Statement fliegt Blizzard postwendend um die Ohren – es hagelt Kritik.

Der Druck wächst weiter – von innen und außen

Mittlerweile ist es fraglich, wie lange Kotick bei Blizzard noch am Steuerrad steht, denn der Wind wird kälter und bläst inzwischen heftig aus allen Richtungen. Eine der wenigen weiblichen Leuchtturmfiguren des Unternehmens – Jennifer Oneal – vermeldete erst kürzlich offiziell ihre Kündigung. Auch sie hatte zuvor intern Vorwürfe erhoben, wie das Wall Street Journal in seinem Artikel ausführt.

Auf die Stellungnahme vom 16.11. reagierten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Activision Blizzard, indem sie zur Arbeitsniederlegung aufriefen. Noch weiter geht die ABK Workers Alliance – eine Vereinigung aus Angestellten von Activision Blizzard King – forderte auf Twitter sogar den Rücktritt von CEO Bobby Kotick.

Playstation-Chef Jim Ryan und andere Branchengrößen verlangen nun Aufklärung. Bloomberg Redakteur Jason Schreier, der Einblicke in eine firmeninterne Mail von Jim Ryan an seine Angestellten erhalten hat, zitiert den Playstation-Chef angesichts der Geschehnisse bei Activision Blizzard als „niedergeschlagen und fassungslos“. Auch sei das Statement des Unternehmens der Situation nicht gerecht geworden.

Mittlerweile sind auch die ersten Aktionäre nicht mehr davon überzeugt, dass mit Kotick eine Wende in der Unternehmenskultur zu schaffen ist und schließen sich den Rücktrittsforderungen an.

Die Spitze hält zusammen: Kadavertreue oder Überzeugung?

Der Vorstand stellt sich hinter den CEO und sieht sich – trotz aller Vorwürfe – mit Kotick auf dem richtigen Kurs. Ob es dabei darum geht, auch die eigenen Posten zu retten oder es sich um eine ehrliche Überzeugung handelt, kann nur spekuliert werden.

Wie blickt Ihr auf die jüngsten Skandale und Enthüllungen rund um Activision Blizzard? Seid Ihr noch immer glühende Anhänger der Spiele oder hat die Flut der Kritik Eure Leidenschaft erkalten lassen? Wie schafft Blizzard einen Neuanfang? Teilt uns Eure Meinung gern auf Facebook mit.

Share